Komplementäre Währung – Eine Chance oder zum Scheitern verurteilt?

Experteninterview mit Peter Pharow

Eine komplementäre Währung ist laut Wikipedia »[…] die Vereinbarung innerhalb einer Gemeinschaft, etwas zusätzlich neben dem offiziellen Geld als Tauschmittel zu akzeptieren.« Überall auf der Welt gibt es Beispiele für alternative Zahlungsmittel. Das am meisten verbreitete ist der Schweizer »WIR«. Aber auch das Muschelgeld, der »Chiemgauer« oder der Disney Dollar sind akzeptierte Komplementärwährungen. Am bekanntesten dürfte das Konzept »BitCoin« sein. Im Rahmen des EU-Projekts VirCOIN2SME hat sich das Fraunhofer IDMT mit der Frage beschäftigt, wo und wie man komplementäre Währungen erfolgreich einführen kann, um die regionale Wirtschaft anzukurbeln. Zu den Herausforderungen und Erkenntnissen wurde Peter Pharow, Geschäftsfeldleiter Human-centered Media Technologies am Fraunhofer IDMT, befragt.

Interviewpartner Peter Pharow hat im EU-Projekt VirCoin2SME das Fraunhofer IDMT vertreten und spricht über Akzeptanz, Chancen und Hürden komplementärer Währungen.

Das berühmteste komplementäre Währungskonzept ist der Bitcoin.

Im Rahmen des Forschungsprojekts wurde untersucht, wie man in sogenannten Schwellenländern wie Kolumbien und Ecuador durch Einführung komplementärer Währung die Wirtschaft ankurbeln kann. Warum ausgerechnet solche Länder?

In entwickelten Ländern wurde bereits mehrfach der Versuch unternommen, solche Währungskonzepte einzuführen. Leider mit wenig Erfolg - bis auf die wenigen, oben genannten Ausnahmen. Menschen in entwickelten Ländern legen bei der digitalen Abwicklung von Geldgeschäften sehr großen Wert auf Datenschutzaspekte und auch die oftmals noch mangelnde Usability schreckt Viele ab. In Schwellenländern geht es hingegen meist um kleinere Geldbeträge. Dadurch stehen die Menschen dem Thema Datenschutz auch weniger skeptisch gegenüber. Und da sie im Umgang mit den virtuellen Bezahltools via Smartphone und Tablet noch nicht so versiert sind, bestehen auch weniger Vorurteile hinsichtlich der Benutzbarkeit. Schwellenländer haben außerdem bezüglich des Verbreitungsgrads von Mobiltelefonen, Smartphones und digitalen Geräten mittlerweile europäischen Standard erreicht. Sicherlich gibt es noch Versorgungslücken hinsichtlich der Mobilfunk-Netzabdeckung oder Infrastrukturen zur Internetanbindung. Aber hier arbeiten unsere Kollegen vom Fraunhofer FIT im Projekt WiBACK sehr fleißig und erfolgreich an Lösungen. Zu den aktuellen Herausforderungen bei virtuellen Währungen zählen die vielfach ungeklärten rechtlichen Rahmenbedingungen. Trotz noch zu lösender Aufgabenstellungen sind Banken, Unternehmen und letztendlich auch die Verbraucher interessiert, diesen Versuch zu starten und eine komplementäre Währung einzuführen.

Es gibt einige Beispiele für komplementäre Währung, aber richtig durchsetzen konnte sich dieses Finanzmodell nicht. Das IDMT hat im Rahmen von VirCOIN2SME untersucht, welche Barrieren es gibt. Wie sah die Untersuchung aus und welche Ergebnisse gibt es?  

Wir haben in Kolumbien und Ecuador ca. 30 Einzelpersonen interviewt und dazu 20 mittelständischen Unternehmen, die sich aktuell schon als VirCoin-Händler betätigen und Waren gegen virtuelle Währung anbieten bzw. VirCoins in echte Währung umtauschen. Zusätzlich wurden fünf Banken befragt, ob sie das System unterstützen würden. Mit Bürgermeistern, Landräten und Ministerien haben wir darüber geredet, inwieweit sie einer Einführung zustimmen und das Projekt entsprechend vorantreiben würden, indem sie beispielsweise rechtliche Strukturen schaffen.

Jede der befragten Gruppen hatte eine eigene, durchweg positive Einstellung zur virtuellen Währung. Die Einzelpersonen finden die Idee vom Sammeln und Einlösen entsprechender Bonuspunkte sehr attraktiv und die Unternehmen sehen im Anbieten einer komplementären Währung einen klaren Wettbewerbsvorteil. Banken können durch das Handeln mit virtuellen Währungen auch die Kunden gewinnen, die nur wenige Geldreserven haben. Frei nach dem Motto: »Ich habe doch nichts zu verlieren«, sind diese Menschen eher bereit, ihr Geld in virtuelles Geld zu tauschen und ein entsprechendes Konto zu eröffnen. Für die politischen Instanzen ist es wichtig, dass auch entlegene Regionen wirtschaftlich gestärkt werden und die Kaufkraft zunimmt. Oftmals mangelt es dort an Bargeld – denn der nächste Geldautomat oder Bankschalter ist oft viele Kilometer weit entfernt. Wenn kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) vor Ort neben echter Währung auch virtuelle Währung als Zahlungsmittel akzeptieren, dann ist das eine echte Option, denn Mobilfunk für die virtuellen Transaktionen ist mittlerweile fast flächendeckend vorhanden.

Was muss getan werden, um die Bevölkerung zu motivieren solche Bezahlalternativen auch zu verwenden? 

Ich sehe vordergründig die Notwendigkeit darin, so viele KMU wie möglich zum Arbeiten mit realer und virtueller Währung zu animieren. Erst dann kann auch die Bevölkerung vom Mehrwert überzeugt werden. Und dann schließen sich weitere Händler an und neue Einsatzbereiche eröffnen sich. So entsteht eine richtige VirCoin-Spirale. Und natürlich muss auch weiterhin an offenen Fragen hinsichtlich Usability und Privacy gearbeitet werden, damit man auch die Akzeptanz in entwickelten Ländern weiter steigert.

Gibt es schon Ideen, für welche Bereiche man komplementäre Währungen einsetzen könnte?

Durch die Zusammensetzung des Konsortiums im Projekt waren die Tourismus- und die Gesundheitsbranche die ersten Märkte, die wir uns näher angeschaut haben. Und tatsächlich gibt es für diese Bereiche schon sehr gute Ansätze. So könnten bestimmte Regionen eines Landes, die vielleicht als Geheimtipp gelten und nur eine begrenzte Anzahl an Besuchern kompensieren können, ganz bewusst für Interessierte vermarktet werden. Durch die Teilnahme an Wissensspielen (z.B. über diese Region), über die Registrierung auf entsprechenden Informationsseiten oder vielleicht auch durch den Einkauf spezieller Produkte dieser Region können sich die Menschen virtuelle Coins »erarbeiten« und sich damit einen limitierten Urlaubsplatz »erkaufen«. Das Stichwort ist hier nachhaltiger Tourismus. In Kolumbien wird das Modell des »behutsamen« Tourismus ganz bewusst eingesetzt, denn hier gibt es teilweise absichtlich nicht überall die notwendigen Infrastrukturen, um mit großen Besucherströmen klarzukommen.

Gerade in Schwellenländern herrscht noch sehr oft das Problem einseitiger Ernährung und entsprechender Folgeerkrankungen, auch schon bei Kindern und Jugendlichen. Neben dem eingeschränkten Angebot an Nahrungsmitteln ist auch das fehlende Wissen über die gesunde Zubereitung vorhandener Nahrungsmittel schuld. Eine Möglichkeit, schon bei Kindern und Jugendlichen das Bewusstsein für Gesundheit zu fördern und Ideen zu vermitteln, wie man auch mit wenigen Zutaten gesund kochen kann, schafft man über entsprechende Informationsveranstaltungen in Schulen und Gemeinden. Für den Besuch erhalten die Teilnehmenden dann beispielsweise virtuelle Boni, die z. B. für gesunde Lebensmittel, Rezepte und Gesundheitsinformationen eingelöst werden können.

Wie geht es denn nach dem Projektende im November 2017 weiter?

Alle Konsortialpartner hatten und haben das Ziel, einige der Ideen, die in den ersten beiden Jahren des Projektes erarbeitet  wurden, praktisch umzusetzen. Dafür werden die vielversprechendsten Ideen je nach Partner und Region ausgewählt. Dazu gehört unter anderem die konsequente Förderung nachhaltiger Tourismusprojekte. Dies funktioniert aber nicht nur in Kolumbien und Ecuador sondern beispielsweise genauso bei uns in Thüringen. Auch hier ist die Struktur des Tourismus oft kleinteilig, geprägt von Familienbetrieben und lokalen Anbietern. Einige der im VirCOIN2SME-Projekt erarbeiteten Ideen, wie die Stärkung der Region, besondere Aspekte der regionalen Ernährung und kulturelle Besonderheiten, sind in aktuelle Förderanträge auf Thüringer Ebene eingeflossen. So haben wir beispielsweise die Idee, Menschen zum Kennenlernen lokaler Landwirtschaftsbetriebe zu animieren. Viele der Höfe sind gut über Wanderrouten erreichbar, also warum lädt man dann nicht zum Probieren ihrer Produkte und zum Kennenlernen der Erzeugungsmethoden der angebotenen Lebensmittel ein? Das würde die Themen Gesundheit, Ernährung und Tourismus in perfekter Weise koppeln und die Wirtschaft wird gestärkt.

Hier wie dort spielt eine funktionierende IT-Infrastruktur eine sehr wichtige Rolle, um die elektronischen Dienstleistungen wie die virtuelle Währung, aber auch die Information der Touristen  und der Einheimischen zu garantieren.

Es braucht natürlich Jahre, um ein solches System einzuführen und es gibt Parameter, wie beispielsweise die politische Lage in den Schwellenländern oder auch die Finanzierung der Projekte, die wir schlecht beeinflussen können. Was wir aber tun können ist, die Bevölkerung und viele Multiplikatoren über die Möglichkeiten und Chancen aufzuklären und das Bedürfnis für eine komplementäre Währung zu wecken.

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